"Modellpflege" - dieser Begriff steht in der Automobilbranche für technische und optische Verbesserungen an einer bestimmten Fahrzeugserie. "Facelifting" wird in diesem Zusammenhang auch schon benutzt. Das Auto wird noch schöner gemacht, als es ohnehin schon war, technische Raffinessen werden eingebaut - oder etwas frech formuliert: es werden alle Schwächen und Fehler der 0-Serie endlich behoben, nachdem der Endverbraucher als "beta-Tester" alle Unzulänglichkeiten entdeckt und verbalisiert hat.
"Modellpflege" erinnert mich aber auch an meine Kindheit. Modelleisenbahn, Häuschen bauen, Straßen anlegen, Bäume pflanzen, ganze Dörfer und Städte herrichten. Das ganze auf maximal zwei Quadratmeter. Nachts mit Beleuchtung. Es soll alles möglichst echt aussehen. Sogar Berge, Brücken, Bahnhöfe mit Menschenmassen werden nachgebaut. Nach und nach staubt zwar die ganze Choose ein, aber die Modelleisenbahn ist und bleibt die eigene kleine heile Welt, in der man sich dann und wann zurückzieht. In der Zwischenzeit habe ich keine Modelleisenbahn mehr. Aber ich kenne einige "echte Kerle", die auch im fortgeschrittenen Alter noch "Eisenbahn spielen". Hochtechnisiert versteht sich. Alles Nachgebaute soll nun noch realistischer wirken: Das langsame Anfahren und Halten der Züge, das automatische Fahren der einzelnen Loks (möglichst ohne Kollision), zahlreiche Gleise und Weichen, Geräusche, echte Dampflokomotiven, Berge, Flüsse, Seen, Brücken, Wälder. Alles wird perfektioniert. Meine kleine Welt, die ich baue, wie sie mir gefällt....Eine Welt ohne Tod, ohne Stress, ohne Alltagswahnsinn. Alles läuft und schnurrt. Einfach toll!
Aber leider ist es nur Modell. Paff - Und schon sind wir wieder in der Realität. Traum von der heilen Welt vorbei. Willkommen reale Umwelt. Die auch nett sein kann. Klar! Wenn wir sie uns nett machen - ähnlich der Modellbahn. Wir müssen also auch an unserem Leben eine Art Modellpflege durchführen. Das geschieht zu Beginn des Tages meistens vor dem Spiegel. Die einen rasieren sich und versuchen die männlichen Gesichtzüge noch ein bisschen männlicher wirken zu lassen, die andere(n) kämpft sich durch eine ganze Reihe von Cremes und Schminke, um dem unaufhörlichen Alterungsprozess irgendwie Paroli zu bieten. Erinnert mich an den Kampf von Don Quichote gegen die Windmühlen.
Anschließend setzt sich die Modellpflege fort. Vor dem Kleiderschrank. Dann evtl. nochmal vor dem Spiegel. Ab jetzt heißt es "Bauch einziehen" - stundenlang. Und so geht es weiter, bis abends das Licht ausgeknipst wird. Erst jetzt hört dieser Modellpflegestress auf. Endlich. Durchatmen, denn in wenigen Stunden beginnt die Schleife von vorne.....
Es gibt aber schlimme Situationen, da endet die Modellpflege auf tragische Weise:
Gestern erfuhr ich, dass zwei Menschen, die mir vor vielen Jahren mal sehr nahe standen (in der Zwischenzeit hatten wir uns etwas aus den Augen verloren) im Abstand von etwa 3 Wochen verstorben sind. Beide sind keine 43 Jahre alt geworden. Beide waren mal miteinander verheiratet und hinterlassen drei gemeinsame Kinder. Schreckliche Tatsache. Hier hilft keine Modellbahnplatte. Keine Modellpflege. Drei Kinder bleiben zurück. Der Vater verstarb vor gut einem Monat bei einem tragischen Verkehrsunfall. Die Mutter vor etwas mehr als einer Woche. Warum Gott so etwas zulässt? Warum das passieren darf? Ich habe absolut keine Ahnung. Und es fällt mir sehr schwer, diese Gedanken überhaupt zu sortieren, geschweige denn jemandem Außenstehenden begreiflich zu machen. Hier hört Logik auf. Zumindest für mich. Es hilft nicht nach hinten zu schauen.
Das Leben ist eben keine Modellbahn, die mir eine heile Welt vorgaukelt. Dein Leben ist total fragil. Jederzeit. An jedem Ort. Die Bibel kennt auch solche Situationen. Denn in ihr kommen Menschen zu Wort, die genauso gelitten haben. Sprechen über ihre Sorgen, Nöte, Ängste, Freuden, reden über ihre eigene Menschlichkeit. Und richten den Blick zumeist nach vorne....In der Bibel ist zu lesen:
Was Frieden und Glück ist, weiß ich nicht mehr. Du, Herr, hast mir alles genommen. Darum sagte ich: "Meine Kraft ist geschwunden, und meine Hoffnung auf den Herrn ist dahin. Meine Not ist groß, ich habe keine Heimat mehr. Schon der Gedanke daran macht mich krank. Und doch denke ich ständig daran und liege am Boden." Aber eine Hoffnung bleibt mir noch, an ihr halte ich fest: Die Güte des Herrn hat kein Ende, sein Erbarmen hört niemals auf, es ist jeden Morgen neu! Groß ist deine Treue, o Herr! Darum sage ich: Herr, ich brauche nur dich! Auf dich will ich hoffen. Denn der Herr ist gut zu dem, der ihm vertraut und ihn von ganzem Herzen sucht. Darum ist es das Beste, geduldig zu sein und auf die Hilfe des Herrn zu warten.
Die Bibel, Klagelieder, Kapitel 3, Verse 17 bis 26
Es gibt keine Musterlösung für Verarbeitung von Trauer und Schmerz. Jeder trauert anders, jeder drückt seine Emotionen individuell aus. Der oben zitierte Bibelvers ist auch nur eine Möglichkeit von vielen. Jedoch kommt hier Licht am Ende des Horizonts auf. Es ist - wie es heißt - das Beste, auf die Hilfe Gottes zu hoffen. Klingt in manchem Ohr zu einfach, fast schon billig. Ist es aber nicht. Absolut nicht. Denn der tragische Tod meiner Freunde hat auch mich wachgerüttelt. Hat mir nochmal sehr deutlich gezeigt, wie schnell das hier und jetzt vorbei sein kann. Zeigt mir auch, wie gut es ist, dass ich mich in Gott getragen weiß. Hoffentlich erinnere ich mich auch dann noch daran, wenn ich eines Tages hautnah mit Leid und Unglück konfrontiert bin.
Das Leben benötigt keine Modellpflege, sondern eine Inspektion im Maschinenraum des Herzens - um nochmal den Eingangsgedanken aus der Automobilbranche aufzugreifen. Im stillen Kämmerlein kann man mal die Gedanken schweifen lassen - nicht ängstlich, sondern realistisch.
LG
Jörg