
Ein Charakterwochenende ist kein normales Wochenende. Es geht nicht darum, irgendwo in der Pampa mit Gitarrenmusik am Lagerfeuer ein paar nette gemütliche Stunden zu verbringen, um schließlich bierseelig ins vorgewärmte Zelt zu fallen. Es ist stattdessen eine persönliche und meist unbequeme Reise, irgendwie ganz alleine und doch gleichzeitig auch in Gemeinschaft vieler anderer. Eine Reise zum Herzen Gottes. Jeder auf einem anderen Weg.
Es war nicht mein erstes Wochenende dieser Art. Erneut hatte ich die ehrenvolle Aufgabe Teil eines Charakterwochenendes in Schottland zu sein. Ein großer - wenn auch unausgesprochener - Wunsch, dabei zu sein, um zu erleben, wie zahlreiche Männer den persönlichen Kampf mit sich und den Elementen der Natur aufnehmen würden, ging in Erfüllung. Doch bekanntlich haben die "Götter vor dem Erfolg den Schweiß gesetzt!". Diese und weitere Lektionen sollte ich als Mitarbeiter des schottischen Charakterwochenendes im April 2016 lernen. An mir. Ganz persönlich. Ganz allein in meinem Innern und doch im herzlichen Verbund vieler weiterer Männer. Als Mitarbeiter reist man bereits früher an, organisiert, plant, erkundet, betet und vertraut darauf, dass Jesus, als Macher und letztendlicher Erfinder dieser Wochenenden, den Weg bereitet. Wochen-, ja monatelang wurden Routen geplant und vor Ort erkundet, Material besorgt, Ideen gesammelt, alles verpackt und schließlich irgendwie nach Schottland gebracht. Nun war es endlich soweit: als Teil eines sehr harmonischen Teams von rund zwei Dutzend Mitarbeiter-Männern, freute ich mich, wie ein kleines Kind auf das, was kommen sollte und doch lag gleichzeitig eine tonnenschwere Last auf meinen Schultern, die es in den kommenden Tagen zu tragen galt - jedenfalls fühlte es sich so an. Bereits in der ersten Nacht hatte ich daher eine mittelschwere Panikattacke. Würde ich als "alter Sack" den jungen und durchtrainierten Männern standhalten können oder werde ich allen zur Last fallen?! Schaffe ich die vielen - nein: sehr vielen - Höhenmeter mit deutlich mehr als 20kg Gepäck auf den Schultern? Habe ich angesichts sehr kurzer Nächte und erforderlicher Extrameilen die tägliche Power, meinen Teil zum Wochenende zu erfüllen? Bin ich ausreichend trainiert? Habe ich die richtige Kleidung mit? Fragen über Fragen.
Mir wurde recht bald klar, dass es nicht auf meine Muskeln ankommt. Meine Lektion hieß "Vertrauen". Vertrauen darauf, dass Jesus uns allen nicht nur Kraft, sondern auch eine persönliche und verändernde Begegnung schenkt. Und dennoch waren es meine persönlichen Muskelspiele. Habe ICH die Kraft? Halte ICH die Schmerzen in den Füßen, Beinen, Schultern und was-weiß-ich-wo-sonst-noch aus? Bringe ICH es zu stande oder bin ICH ein Looser?
Diese ganzen "Ich-Fragen" sind aber total bescheuert! Weil es weder um diese Fragen, noch um die vielleicht passenden Antworten geht! Doch zu dieser Erkenntnis musste ich erstmal wieder kommen. Diese blöden Fragen mit all dem darin enthaltenen Potential zum Druchdrehen stellen wir uns doch viel zu oft. Im Alltag, im Beruf, in meiner Rolle als Ehemann, Vater, Nachbar, als-was-weiß-ich...
Vertraue von ganzem Herzen auf den Herrn und verlass dich nicht auf deinen Verstand. Denke an ihn, was immer du tust, dann wird er dir den richtigen Weg zeigen. Bilde dir nichts auf deine Weisheit ein, sondern fürchte den Herrn und meide das Böse. Das macht dein Leben gesund und du bekommst neue Kraft.
Die Bibel, Buch der Sprüche, Kapitel 3, Verse 4 bis 8
Wie oft vergesse ich diese Passage aus der Bibel?! Wie oft drehe ich diesen Grundsatz um, und zeige Gott meine Muskeln, meine Power, mein morsches Durchhaltevermögen, meine bruchstückhaften Fähigkeiten usw... geradeso, als wäre das für Jesus eine Neuigkeit, als würde er vor Neid erblassen, angesichts derart viel "Kompetenz"!
Wie schräg ist dieser Gedanke?! Wir wollen insgeheim mit etwas angeben, was uns Gott persönlich verliehen hat!
So hieß meine Lektion: Vertrauen! "Wenn Du Riesen bezwingen willst, geht das nicht mit Kraft, sondern mit Vertrauen". Riesen? Welche Riesen, fragst Du. Gemeint sind weniger die Berge der schottischen Highlands, als mehr die persönlichen Hürden, die mein Leben blockieren: Lebenslügen, Seelenwunden, Glücksgaukler-die-keine-sind. Mein größter Riese ist der, auf dem die Begriffe "Sorgen" und "Zweifel" eingraviert sind. Er bäumt sich regelmäßig vor mir auf, brüllt mich an und will mir das Fürchten lehren. Dieser Riese beeindruckt durch seine massive Bauart, seine dunkle Erscheinung und Unbeweglichkeit. Doch an diesem Wochenende in Schottland, stand ich auf diesem Riesen drauf. Mit meinen Füßen! Gott bot ihm die Stirn und ich saß in der ersten Reihe! Sein Gebrüll vernahm ich nicht mehr. Dieser Riese war einmal mehr besiegt, weil Jesus ihn besiegt hat!
Doch ich weiß, dass dieser Riese nicht sobald aufgeben wird, er wird weiter brüllen, er wird weiter seine Muskeln spielen lassen und versuchen mich zu beeindrucken. Doch ich habe seine Taktik nun durchschaut.....und werde mit meinem Gott gegen Riesen wie diesen anrennen! Immer und immer wieder. Yeah!
Und die Männer, die als Teilnehmer dort waren? Haben sie mit Leichtigkeit die Hügel erklommen? Welche Muskelspiele haben die Teilnehmer ausgefochten - mit sich und mit Gott? Mancher Berg erschien auch ihnen wie ein Riese, ein muskelprotziger Koloss, vor dem man lieber weglaufen, als ihn erstürmen wollte. Doch die Lektion lag auf der Hand: Wer wirklich einen Riesen bezwingen will, muss auf ihn zugehen und ist eingeladen, sich auf das zu besinnen, was die Bibel über Vertrauen sagt. Nicht unser Verstand, nicht unsere Muskeln, nicht unsere Raffinesse, sondern das Step-by-Step mit Gottes Hilfe führt zum Besteigen und damit letztendlich zum Kreuz am Gipfel!
Denn am Kreuz fokussiert sich alles! Es ist wie der Brennpunkt einer Linse.
Vielleicht warst Du auch Teilnehmer dieses oder eines anderen Charakterwochenendes. Vielleicht warst Du noch gar nicht dort, weil Dir bisher der Mut oder irgendwie der letzte Kick gefehlt hat. Egal.
Man muss nicht dorthin, um Jesus zu begegnen - doch ich finde, es macht es um einiges einfacher!
:-)
LG
Jörg