Mittwoch, 3. Februar 2016

Bindestrich

Manchmal muss Ruhe sein. Keine Fragen, keine Antworten, keine Geräusche. Nichts, was nerven könnte. Einfach mal raus in die Ruhe. Was liegt also näher, als auf den Friedhof zu gehen....also, ich meine - wenn man irgendwo Ruhe finden kann, dann doch wohl dort :-)

Klingt komisch, ist aber so. 

Neben ein paar Parkbänken, zahlreichen Komposthaufen und Eichhörnchen, finde ich dort schonmal den Abstand, den man vom Alltag dann und wann braucht. Dann schießen die Gedanken durch den Kopf und die Augen schauen auf Grabsteine, Namen und Daten. In Granit sind meist zwei Daten eingemeißelt. Dazwischen ein Bindestrich. Dünn, weiß, keine 5 cm lang. Er trennt diese zwei Zeitpunkte, die den Anfang und das Ende eines Lebens markieren. Aus Jahren des Lebens, gefüllt mit allerlei Erlebnissen, Gefühlen und Schicksalen bleibt am Ende ein kurzer Strich. Mehr nicht. Ganz krass sind solche Grabsteine, auf denen der Name der Eheleute zu lesen ist. Wohlgemerkt: Beider Eheleute. Das fast schon zynische ist dann nur, dass für einen der beiden nur noch das Todesdatum fehlt. Der Rest ist schon fertig. Das schockt mich immer wieder. Alles vorbereitet - man wartet quasi nur noch auf den Augenblick, in welchem der Steinmetz den abschließenden Auftrag erhält. Beim Anblick solcher Grabsteine stellen sich mir die Härchen auf. Alle. 

Denn bei allem Respekt für Planungsfreaks: das geht mir etwas zu weit.

Zurück zum Bindestrich.

Vor Jahren fotografierte ich in Bern mal folgendes Bild. Es war Teil einer Schaufensterdekoration und sollte dem Betrachter Appetit machen, die eine oder andere Kleinigkeit, ein Andenken, eine Antiquität oder was weiß ich, für ein paar Schweizer Franken zu kaufen, um am Ende ein Stück Erinnerung aus Bern im Gepäck zu haben. Denn - so die Quintessenz des Schildes: HEUTE ist ein Geschenk. Was gestern war ist geschehen und lässt sich nicht mehr ändern. Und was Morgen sein wird, steht nirgendwo geschrieben, es bleibt bis morgen ein Geheimnis. Und dann ist das, was Gestern noch Übermorgen war schon Heute. 

Was bleibt sind zwei Daten und ein Strich.

Und am Ende wird aus unzähligen Gestern, Morgen, Heute nur ein Strich. 5 cm lang, weiß, filigran und inhaltsschwanger auf dem Grabstein aus Granit. Eingerahmt von zwei Zeitangaben. Mehr nicht. Ende. Der Steinmetz hat seine Arbeit getan. Der Steinmetz kann gehen. 

Mein Leben ist mehr als ein Strich!

Gegen diese Tatsache wird sich kaum jemand wehren können, denn dieses Schicksal teilen wir alle. Daher macht es auch keinen Sinn, die Botschaft von Jesus Christus als eine Keule der Angst zu missbrauchen, weil wir uns Gedanken über die Zeit nach Tod machen sollen. Gewiss sollte sich jeder Mensch Gedanken über seinen Tod machen, aber beginnen wir doch erstmal damit den Bindestrich möglichst gut mit Inhalt zu füllen, wenn wir schon kaum Einfluss auf seine Länge und Dicke haben. 

Daher die Frage(n):
Was ist Dein Bindestrich? Womit füllen wir unser Leben? Was treibt Dich an? Ist es der Job? Sind es Deine Kinder? Ist es der Sport? Der Versuch möglichst gesund zu leben? Oder sind es Deine Anstrengungen stets für den anderen da zu sein?

Ich trainiere zurzeit für einen Halbmarathon. Für die ganzen 43km fehlt mir vermutlich noch die Power. Aber wer weiß....vielleicht mache ich das auch noch. Diesen Halbmarathon werde ich in Uganda laufen. Es ist ein Sponsorenlauf für Kinder in Armut. Kinder, deren zwei Daten auf dem Grabstein beeindruckend nahe beieinander liegen, denn in Uganda liegt das Durchschnittsalter gemäß Wikipedia bei 15 Jahren. In Worten: fünfzehn.

Das ist echt nicht viel! 

Welche Wünsche werden diese Kinder haben? Denen geht es vermutlich nicht um ein neues Handy. Oder die neusten Klamotten? Diesen Kindern wäre schon geholfen, wenn sie ein Leben außerhalb der Armut gehabt hätten. Ein Leben mit Frieden, mit ärztlicher Versorgung. Ein Leben in Unbeschwertheit.

Was ist Dein Bindestrich?

Lehre uns unsere Tage richtig zählen, damit wir ein weises Herz erlangen!

Die Bibel, Psalm 90, Vers 12


Dieser Satz ist aus einem Gebet von Moses. Ein Mann der 120 Jahre alt wurde und ein wahrhaft bewegtes Leben hatte. Er hatte echt alles durch. Von ganz arm bis sehr reich. Von unscheinbar bis Rampenlicht. Von unbescholten bis Mörder. Da war alles dabei. Sein Bindestrich war sicher einer der dickeren Exemplare. Vielleicht auch etwas länger...

Kurzum:
Genieße nicht nur Dein Leben, sondern frage doch mal Gott, was er mit Dir noch so anstellen kann. Vielleicht liegen noch Aufgaben und Möglichkeiten für Dich parat, die Deinen Bindestrich dicker werden lassen. Und bedenke: Jeder Tag ist ein Geschenk!

Ich wünsche Dir dazu viel Segen!

LG
Jörg