Donnerstag, 20. November 2014

Der Wunsch durch die Felswand zu sehen....

Ein Felsmassiv in den Dolomiten. Knapp 3000m hoch, durchlöchert wie ein schweizer Käse. Öffnungen, Gänge, Tunnel - angefertigt von Soldaten zurzeit des ersten Weltkrieges, um möglichst nah an die feindlichen Linien zu kommen. In einer Distanz von nur wenigen Metern haben sich die Kämpfer zweier Länder gegenüber gestanden und erbittert gegeneinander gekämpft. Irgendwann ging es nicht mehr ums Gewinnen oder Verlieren, sondern darum selber irgendwie zu überleben. Krieg ist eben immer doof. 

Gut 100 Jahre später sind die Soldaten weg. Der Krieg ist vorbei. Aber die Berge stehen noch und mit Ihnen die Öffnungen, Gänge und Tunnel. Mit einer Seilbahn kann man die gut 600 Höhenmeter überwinden, um anschließend diesen Höhenunterschied im Berg wieder hinab zu laufen. Ab und zu gibt ein Loch, vermutlich durch Sprengung verursacht - den Blick ans Tageslicht frei.

Letztlich eine gespenstische Atmosphäre. Die Zeit scheint stehen geblieben zu sein. Was sind schließlich für einen Berg in den Dolomiten schon 100 Jahre?


Dieses hier beschriebene Erlebnis, der Blick auf die Berge, den Tunnel, die Seilbahn und so weiter, fand im letzten Sommerurlaub statt. Ich war auch dort - an der Seilbahnstation. Der Plan (besser MEIN Plan) sah vor, dass ich mit vielen anderen auch die schaukelige Seilbahn nehme, um im Berg einen nicht ganz ungefährlichen Abstieg zu gehen. Aber manchmal läuft es eben anders, manchmal ist MEIN Plan nicht DER Plan, so auch hier. Weil nicht alle aus der Gruppe der Teilnehmer höhentauglich waren, blieb ich eben auch am Fuß des Berges zurück und schaute dem ganzen Spektakel aus der Distanz zu. Aus anfänglichem Frust wurde schließlich die Gewissheit, das Richtige getan zu haben. Somit habe ich nun den Vorteil aus zwei Perspektiven erzählen zu können: der Blick von unten nach oben und die Bilder und Beschreibungen Dritter über den Weg von oben nach unten.

Ich konnte nicht durch die Felswand sehen und erlebte das innere des Berges "nur" durch die Fotos und Beschreibungen meiner Freunde. Glaube ich ihren Schilderungen oder bilde ich mir ein, alles besser beurteilen zu können, obwohl ich nie im Leben im Berg war? Eine blöde Frage - aber irgendwie auch nicht.....

Es ist nämlich gut gelegentlich mal die Perspektive zu wechseln. Den Blick der anderen mal wahrzunehmen und ihnen zu vertrauen. Sich in die Situation des Gegenübers zu versetzen, um aus der Einseitigkeit des eigenen Gedankens eine echte Zweisamkeit zu machen. Das gelingt nicht immer - schon klar. Doch wie oft verlangen wir genau das von unserem Gegenüber und schmettern Worte in den Raum, wie "Versetz Dich doch mal in meine Lage....dann würdest Du verstehen, dass..."? 

Es gibt Situationen und Lebensbereiche, die bleiben uns aber trotz Beschreibungen und unserem festen Willen, sich in die Lage des Freundes zu versetzen dennoch verschlossen.

Ein sehr guter Freund von mir ist seit langer Zeit krank. Der medizinische Fachbegriff seiner Krankheit lautet so ähnlich wie "Überlastungsdepression". Schnell ausgesprochen. Schwierig zu verstehen, noch schwieriger zu leben. Neulich habe ich ihn endlich mal wieder besuchen können. Es war eine tolle halbe Stunde - mehr ging nicht. Weil seine Konzentration einfach nicht reicht. Ein Powermensch, ein "Hans Dampf in allen Gassen", kreativ bis in die Haarspitze, und zwar jede Haarspitze, ist nun an der Seele krank. Verletzt, wund, müde, platt. Und es ist zum weinen! Ich möchte Trost geben, möchte aufbauen, möchte mich in seine Perspektive versetzen - aber es gelingt mir nicht. Aber aufgeben...nein!

Im Bilde des Sommerurlaubs stehe ich also wieder am Fuße der Seilbahn, blicke zu meinem Freund und erfasse nicht die vielen Gänge, Tunnel und Geheimwege seiner Gedanken. Das schroffe und kalte Felsmassiv der Depression lässt nur erahnen, wie kompliziert alles ist. Es sind seine Erzählungen, die mir einen Blick durch das Felsmassiv erlauben. Genau deswegen ist Reden so wichtig. Und ich freue mich auf die nächste halbe Stunde :-)

Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Auch wenn ich wandere im Tal des Todesschattens, fürchte ich kein Unheil, denn du bist bei mir;



Darum bete ich! Weil ich weiß, dass es Einen gibt, der in Dich, mein Freund, hineinsehen kann, der Dich heilen kann und Dich wieder aufzubauen vermag und stets bei Dir ist!

Jesus ist immer bei mir. Geht gar nicht anders. Und will ich auch nicht anders. Manchmal ist es nicht einfach - aber "einfach", das war auch nie seine Ansage. 

Und Du lieber Leser?! Kennt jemand Deine inneren Tunnel hinter Deiner Felswand?


LG
Jörg